Kaffmentalität
Nach dem Zusammenbruch der Verwaltungsstrukturen im
- lt. Bleicken Jochen fälschlicherweise als solches
bezeichnet - Weströmischen Reich (Bleicken
Jochen Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen
Kaiserreiches, Band 1, Verlag Ferdinand Schöningh, ISBN
3-8252-0838-9,1995) kam es einerseits durch das
Berufsverbot für sogenannte Heiden und andererseits wegen
anhaltender Konflikte und Kriege, an denen sich der
Kirchenstaat rege beteiligte, zum kulturellen und
wirtschaftlichen Niedergang, der letzten Endes zur
Tauschwirtschaft führte.
Allmählich kam es wieder zu einem Aufschwung und somit
auch wieder zur Geldwirtschaft. Allerdings war die
Gültigkeit einer "Währung" geografisch sehr eingeschränkt,
praktisch hatte jedes Kaff seine eigenen Münzen. Im Laufe
der Jahrhunderte schufen Politik und Wirtschaft - sich
gegenseitig stimulierend - wieder größere Räume
mit einer einheitlichen Währung. Der (vorläufig?) letzte
Schritt war die Einführung des Euros in der EU.
Es muss allerdings festgestellt werden, dass in etwa seit
Einführung des Euros die Kaffmentalität eine neue
Blütezeit erlebt.
Jede Gemeinde, die etwas auf sich hält, hat jetzt ihre
eigene Pseudowährung in Form von Talern, Gutscheinen etc, die
nur in Geschäften in der Gemeinde eingelöst werden
können und deren Herstellung oft mehr kosten als ihr
Nennwert beträgt.
Mit diesen Pseudowährungen soll die Kaufkraft im
Ort gehalten werden. Das wird aber nicht sehr erfolgreich
sein. Was soll man tun, wenn es die gewünschten Waren im
Ort gar nicht gibt?
Einsame Spitze ist derzeit Pregarten. Im
3-Märkte-Bus wird eine Mehrfachkarte (Wochenkarte?)
angeboten, die mit der Pregartner Währung zu bezahlen
ist, d. h. der Käufer muss zuerst mit seinen Euros eine
entsprechende Menge der Pregartner Währung erwerben und
kann erst dann zum Bus gehen. Abgesehen davon, dass dies
umständlich und nicht kundenfreundlich ist, ist diese
Vorgehensweise meiner Meinung nach sogar illegal. Der Euro
ist unser offizielles Zahlungsmittel und muss angenommen
werden, auch im 3-Märkte-Bus.
.
Ein weiteres Beispiel für das Aufblühen der Kaffmentalität gibt der
Tabakhandel. Obwohl seit Jahren bekannt war, dass in Zukunft große
Mengen billiger Tabakwaren aus den neuen EU-Mitgliedern nach
Österreich eingeführt werden
dürfen, beschränkten sich die wirtschaftlichen Maßnahmen der
Trafikanten auf das Jammern. Den Politikern war es dann nicht zu
blöd festzulegen, dass Zigaretten, die keine deutschen Warnhinweise
haben, nur in geringeren Mengen eingeführt werden dürfen. Na klar, wir
Österreicher sind so blöd, dass wir glauben, der Text in der
Fremdsprache sagt uns, dass rauchen gesund ist und daher der Konsum
von 40 Zigaretten pro Tag empfohlen wird. Übrigens ist die gleiche
Situation im Innviertel und Bayern, aber mit umgekehrten Vorzeichen,
natürlich völlig in Ordnung und die Innviertler Trafikanten sind
klevere Burschen.
.
Heimisch kaufen hieß eine Artikelserie der OÖ. Nachrichten im April
2009. Tagtäglich wurde uns eingeredet, dass heimisch kaufen
Arbeitsplätze schafft und hilft, die Wirtschaftskrise zu überwinden.
Unterschwellig wurde auch immer wieder angedeutet, dass aus dem
Ausland - ja, auch die EU-Mitgliesländer gelten immer noch als Ausland
- nur schlechte Ware kommt, nur die einheimischen Produzenten liefern
gute Qualität. Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Chauvinismus
wird mit solchen Andeutungen gefördert, das wird einige politische
Parteien freuen. Mit den zusätzliche Arbeitsplätzen ist es auch nicht
weit
her
.
Heimisch kaufen ist ökologisch sinvoll, ansonsten soll man solche
Aktionen und vor allem Äußerungen vorher sehr sorgfältig auf ihre Wirkung
prüfen.
(C) Wilfried Maschtera
4284 Tragwein, Fraundorf 2
erstellt am: 14. 5. 2009
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